Unsere Recherchen, Überlegungen, Diskussionen und Untersuchungen zu "Social Trading"-Plattformen (wie sharewise.com) und "Schwarmintelligenz" erbrachten folgendes Ergebnis: 

 

 

1. Führen "Social Trading"-Plattformen wie sharewise.com durch "Schwarmintelligenz" zu besseren Anlageerfolgen?

 

Die Grundidee von sharewise.com ist eigentlich so simpel wie genial.

 

Ziel ist es, mit Hilfe von Schwarmintelligenz, sprich mit einer hohen Anzahl verschiedener Usermeinungen, die möglichst beste Anlageentscheidung zu treffen und andere bei der Entscheidungsfindung zu unterstützen.

 

Jedoch fällt dem User schon nach kurzem Aufenthalt auf der Homepage auf, dass die Idee der Schwarmintelligenz zu selten zur Anwendung kommt und oft nur eine untergeordnete Rolle spielt. Das wird vor allem daran ersichtlich, dass vermehrt nur die Meinungen der sogenannten „Top-100“-Mitglieder Aufmerksamkeit finden, auf deren Empfehlungen die Werte im „Musterdepot“ basieren.

 

Eine tatsächliche Umsetzung der Schwarmidee existiert bisher nur in Form des Sharewise-Fonds, der sich nach Angabe von Sharewise, ähnlich wie beim Musterdepot, aus den „Top-100“-Userstatements errechnet. (Details)

 

Hier zeigt sich aber zum einen, dass dies zu sehr spekulativen und einseitigen Fondszusammensetzungen führt, welche derzeit fast nur aus ausländische Rohstoffwerten besteht.

 

Zum anderen weist der Fonds in der derzeit doch guten Börsenphase große Schwankungen sowie eine vergleichsweise schlechte Kursentwicklung auf.

 

Insgesamt aber bietet der Sharewise-Fonds keinen Ausgleich für das auf der restlichen Plattform fehlende Grundprinzip der Schwarmintelligenz.

 

Auch die Trefferquote der 100 besten Sharewise-Mitglieder liegt offenbar nur bei 20 – 50%, was sich wiederum daraus erklärt, dass die Sharewise-User kaum Standard-Aktien voten, sondern vor allem spekulative Empfehlungen geben.

 

Die Plattform ist daher eher für Jäger nach „Geheimtipps“ geeignet, also vor allem nach spekulativen Anlagen, als für normale Anleger, die ihr Geld sicher und konservativ anlegen wollen.

 

Ebenso fiel uns auf, dass die Plattform ohne Einführung nicht leicht zu verstehen ist, denn einige Zahlenangaben sind für Anfänger irreführend (z. B. führen rückläufige Kursziele zu negativen, roten Zahlenangaben – obwohl der Kurs der Aktie weiter steigt) und auch die Navigation erschließt sich nicht von selbst.

Diese Einschätzung wird auch von den Seniorenanlegern des Computerclubs Nürnberg 50+ geteilt. Sie monieren zudem unhandliche und zu kleine Schaltflächen. Zudem finden sie die hohe Volatilität und die im letzten halbjahr markant vom Leitindex Stoxx Europe 600 abweichende Kursentwicklung des Sharewise-Fonds irritierend und beunruhigend. 

  

Einige Impressionen von der Sharewise-Plattform
Einige Impressionen von der Sharewise-Plattform

Ergebnis: Social Trading = "Follow the best", aber keine "Schwarmintelligenz"!
 

In der Veranstaltung konnten wir leider keinen direkten Zusammenhang zwischen Sharewise und der Schwarmintelligenz feststellen. Da die Website auf einem Ranglistenprinzip basiert, sind eher die Meinungen einzelner intelligenter Individuen ausschlaggebend für die Ergebnisse und Bewertungen. Die dort abgegebenen Meinungen der User können bis zu sechs Monate alt sein und somit auf einem unzureichend aktuellen Stand sein. Die Erwartungen an Sharewise wurden im Vergleich mit aktuellen Werten (DAX) nicht erreicht. Der von Sharewise aufgelegte Fonds belegt ebenfalls nicht, dass hier das Prinzip Schwarmintelligenz funktioniert, da er sich nur auf wenige sharewise-Mitglieder stützt.


Der Fond legt daher hauptsächlich in spekulative ausländische Rohstoffe an, welche nicht für den normalen Anleger zu gebrauchen sind, sondern eher etwas für den risikobereiten Trader sind.

 

Somit wäre es von großem Vorteil, mehr Meinungen von konservativen und weniger gut informierten Usern einzuholen, um das Thema Schwarmintelligenz auf den Punkt zu bringen.

 

Für die Zukunft muss noch ein Weg gefunden werden, wie tausende Meinungen in einem kurzen Zeitraum zu einer aussagekräftigen Meinung zusammen gefasst werden können, um tatsächlich von Schwarmintelligenz sprechen zu können.

 

Gleiches gilt übrigens auch für andere Plattformen des „Social Trading“. Auch auf Etoro, Ayondo oder Wikifolio posten die User ihren Wertpapier-Mix. Andere User können dem folgen.

 

Bei Wikifolio.com z.B. können Geldanleger jedes veröffentlichte Portfolio sogar wirklich kaufen (Börse Stuttgart). Der Kauf eines solchen Portfolios („Wikifolio“) wirkt dann wie ein Index-Zertifikat.

 

Bei Ayondo müssen die User das Portfolio der Top-Trader zwar selbst zusammenstellen bzw. nachbilden, die Follower erhalten aber „Signale“, wenn ein Top-Trader aktiv wird, und können dann ebenfalls kaufen oder verkaufen.

 

Soziale Netzwerke können damit durchaus eine Win-Win-Situation für Top-Trader (Kursunterstützung durch Anschlusskäufe der Follower), Follower (profitieren vom Expertenwissen der Top-Trader) und Social Trading-Plattform (Werbeeinnahmen o.Ä.) beinhalten.

 

Mit der Grundidee der Schwarmintelligenz hat aber auch dies unseres Erachtens wenig zu tun. Es handelt sich vielmehr um eine Methode, die man als „Best practice“-Ansatz bezeichnet und die man in der Wirtschaft schon seit langem kennt („best practice“ = Vorgehensweise, bei der man sich an optimalen bzw. vorbildlichen Methoden, Praktiken oder Vorgehensweisen anderer Unternehmen oder Einrichtungen orientiert).

 

Das einzig Neue daran ist, dass dieses „Best practice“ nunmehr auch im Bereich der Geldanlage und mit den Mitteln von Online-Plattformen praktiziert wird. Dadurch erhält dieser Bereich des Erfahrungsaustausches unter Anlegern aber natürlich eine neue Qualität, die langfristig auch den Banken und Börsenzeitschriften ernsthaft Konkurrenz machen könnte.

 

Fazit: Auch wenn alle Welt davon spricht - von einer Schwarmintelligenz in der Geldanlage sind wir auch auf "Social Trading"-Plattformen noch sehr weit entfernt!

 

Minderheitenvotum: "Social Trading" ist doch "Schwarmintelligenz"! 

 

Die obigen Einschätzungen werden auch von der klaren Mehrheit der Seniorenanleger des Computerclubs Nürnberg 50+ geteilt. Ein kleiner Teil der Seniorenanleger ist jedoch anderer Ansicht und glaubt, dass bei sharewise.com das Prinzip der Schwarmintelligenz doch bereits erfüllt ist.

 

Deren Argumentation lautet beispielhaft wie folgt:

 

"Ein Vergleich von sharewise.com mit der Schwarmintelligenz von Ameisenhaufen ist möglich (Vgl. Definiton SI). Die Gesamtzahl aller Empfehler, die ja immer wieder nach erfolgsträchtigen Anlagemöglichkeiten suchen, vergleiche ich mit der Gesamtzahl all derjenigen Ameisen in einem Ameisenhaufen, die nach Nahrung suchen. Diejenige Ameise, die mit dem besten Suchergebnis nach Hause kommt (=beste Ameise), dient den anderen Suchameisen als Orientierung. Diese anderen übernehmen von der besten Ameise die Daten und suchen und finden denselben Nahrungsort und dieselbe Nahrung. Je mehr Ameisen sich an denjenigen Ameisen orientieren, die mit dem stärksten Markierungspheromon-Geruch zurückkehren, umso deutlicher und schneller bildet sich ein Ameisenweg aus.

In gleicher Weise werden bei sharewise der Beste oder weitere an der Spitze der Rangliste liegende Empfehler als Orientierung herausgestellt. Diese sind also mit der besten Ameise vergleichbar. Es macht deshalb Sinn, ihre Empfehlungen bzw. Anlageentscheidungen zu übernehmen.

Die Orientierung der nahrungssuchenden Ameisen an der besten Ameise wird als Schwarmintelligenz bezeichnet.

Das, was sharewise anbietet, nämlich Orientierung nur am Besten oder an mehreren aus der Liste der 100 Besten, kann deshalb als Nachahmung von schwarmintelligenzmäßigem Verhalten bezeichnet werden."

  

Damit haben Sie eine klare Mehrheitsmeinung und eine Minderheitenmeinung - treffen Sie also Ihr eigenes Urteil!

   

  

2. Erprobung unserer eigenen "Schwarmintelligenz" am Beispiel der Adidas-Aktie

 

Um unsere eigene Schwarmintelligenz in der Gruppe selber einmal zu erfahren, haben wir uns aus aktuellem Anlass der Fußball WM an die Entwicklung der Adidas Aktie gewagt. Wir wollten wissen, ob unsere eigene „Schwarmintelligenz“ der Meinung der Sharewise User entspricht, um somit für eine bessere Anlageentscheidung zu sorgen. Hierzu haben wir uns die Frage gestellt, ob sich die Adidas-Aktie nach dem Flop im letzten Halbjahr durch die laufende Weltmeisterschaft wieder erholt, sogar ansteigt, gleich bleibt oder trotzdem weiterhin leicht sinkt oder sogar stark fällt?!

  

3-Jahres-Chart der Adidas-Aktie (03.07.2014, Quelle: http://www.finanzen.net/chart/adidas)
3-Jahres-Chart der Adidas-Aktie (03.07.2014, Quelle: http://www.finanzen.net/chart/adidas)

2a) Unsere "Schwarmmeinung" am 03.07.2014

 

In unserer geheimen Abstimmung hat sich gezeigt, dass 52% glauben, dass die Aktie wieder leicht ansteigen wird,5% glauben, dass sie stark ansteigt.

 

Die 40 Sharewise-User, die sich zu der Aktie geäußert haben, sind sogar noch optimistischer: 85% glauben an einen Kursanstieg (um ca. 16%). Von den 21 Analysten sind es 76%, die einen Anstieg um ca. 20% prognostizieren). 

   

Abstimmungsergebnis unserer Besucher (03.07.2014)
Abstimmungsergebnis unserer Besucher (03.07.2014)
Abstimmungsergebnis auf Sharewise_com (03.07.2014)
Abstimmungsergebnis auf Sharewise_com (03.07.2014)

  

2b) War unsere "Schwarmmeinung" nun richtig oder falsch? Wir werden dies nach einem Jahr überprüfen (03.07.2015)!!!

 

Die Überprüfung der Anlageempfehlung unseres "Schwarms" wird nach Ablauf eines Jahres von einer anderen Projektgruppe übernommen.

 

Wir sind schon gespannt, wie das Ergebnis sein wird.

 

Der Kurs am 03.07.2014 betrug 74,37 EUR (Börse Stuttgart Schlusskurs).

 

 

------------------> Das Ergebnis nach einem Jahr

  

Chart der Adidas-Aktie: Juli 2014 bis Juli 2015
Chart der Adidas-Aktie: Juli 2014 bis Juli 2015

 

Das Ergebnis ist eindeutig: Mit unserer Schwarmintelligenz war es nicht weit her. Unmittelbar nach unserer Veranstaltung (und nach der Fußball-WM und trotz Weltmeisterschaft!!!) fiel die Adidas-Aktie von 74 auf ca. 55 Euro (= 26 %) und blieb dort auch für viele Monate. Erst nach sechs Monaten stieg sie wieder kurzfristig auf den alten Julikurs, fiel dann aber wieder zurück.

 

Kurs am 03.07.2015: 69,65 Euro = -7% gegenüber Vorjahreskurs

 

Fazit: Entgegen der Publikumsmehrheit, die zu 57% einen Kursanstieg prophezeit hatte, fiel die Aktie, kurzfristig sogar um ein Viertel.

 

Noch irriger aber waren die Prognosen der Sharewise-User, die zu 85% einen Kursanstieg vorausgesagt hatten.

 

Und fast ebenso falsch lagen die Analysten, die zu 76% auf einen Kursanstieg getippt hatten.

 

Auch wenn dies nur ein willkürlich ausgewählter Test und eine Momentaufnahme sind, spricht doch einiges dafür, dass Social-Trading-Plattformen und Analysten in vielen Fällen zu optimistisch sind und dass ihre Prognosen in der Mehrzahl der Fälle falsch sind.

 

Somit bleibt dem Geldanleger leider nicht erspart, sich auf seinen eigenen gesunden Menschenverstand zu verlassen.

 

 

------------------> Das Ergebnis nach vier Jahren

 

Tatsächlich hat sich die Aktie später zum Börsenstar entwickelt und ist auf über 200 Euro geklettert (+ 170%). Die Anlage hätte sich also mehr als gelohnt.

 

Mit Schwarmintelligenz hat dies aber nichts zu tun, da die Befragten ja die Kursentwicklung durch Fußball-WM beurteilen sollten. Diese aber führte binnen eines Jahres zu einer Kursentwicklung von - 7% .

 

 

 

 

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Liebe User, wenn ihr etwas zu unserer Veranstaltung und unseren Überlegungen anmerken wollt - wir würden uns freuen...

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Kommentare: 1
  • #1

    Anette Rehm (Mittwoch, 09 Juli 2014 09:01)

    Das klingt sehr interessant - Danke für den tollen und ausführlichen Bericht, der einen guten Einblick gibt. Leider konnte ich ja dieses Jahr nicht als Gast dabei sein, denn das Thema "Schwarmintelligenz" übertragen auf Geldanlagen ist ein sehr kontrovers zu sehender Ansatz. Wie heißt es so schön "Börsenprofis verkaufen, wenn Milchmädchen kaufen".
    Kompliment an Dr. Kürht und die Azubis, dass Ihr es jedes Jahr wieder schafft, eine neue Idee mit den Senioren-Börsen-Profis zu diskutieren!

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